Rokoko

by Ciao Calotta | Oktober 5, 2009 5:09 pm

sadoDekor ist alles. Das frivole Treiben am Hofe bestimmt Mode und Lebenseinstellung weiter Schichten. Phantasievolle Maskenfeste lösen einander ab und keine Dekorationsidee ist zu kühn oder zu verrückt. Die Vergänglichkeit des Augenblickes wird gefeiert. Gleichzeitig beginnt aber auch der Aufbruch in die Aufklärung, eine entschiedene Abkehr von Kirche und Religion, eine Hinwendung zu Philosophie und Wissenschaft. In diesem Spannungsfeld sind Frauen einerseits fröhliche, verspielte, betont erotische Geschöpfe, anderseits aber auch Mäzeninnen und Vorreiterinnen der neuen Ideen.

Die Farben der Kleidung sind – wie alles in dieser Gesellschaft – aufs höchste verfeinert. Zarte Pastelle schimmern in glänzenden Seiden- und Moiré -Stoffen mit dem leuchtenden Weiß kostbarster Spitzen um die Wette. Aufwendigste Stickereien von oft hochdotierten (aber leider selten bezahlten) Stickerinnen zieren Kleider, Westen und Jacken. Ein Hofkleid kann durchaus den Gegenwert eines gesamten Landgutes haben, gute Spitzen sind teurer als Diamanten und werden auch als Halsschmuck getragen.Die Schnitte sind weit und üppig, oft verspielt und gerne mit großem Dekolletè. Die Frauenkleider behalten die Aufteilung in Jupe(Unterrock) und Manteau (Oberkleid) bei, die sie im späten Barock hatten. Daneben entwickelt sich aus dem „Negligé“, einem sackartigen Hausgewand, das aber sehr wohl über Schnürmieder und Reifrock getragen wurde, die „Adrienne“. Diese ist ein Zwischending beider Kleiderformen, in dem das weite Negligé noch durch eine am Halsausschnitt angesetzte, reich gefaltete und nahtlos ins Kleid übergehende Schleppe erhalten ist. Dieser Schnitt nennt sich „Wattaufalte“, nach dem gleichnamigen französischen Hofmaler, auf dessen Gemälden diese Kleiderform häufig zu sehen ist. Die Rockformen gehen vom runden Reifrock bis hin zum extremen Queroval der „Grande Parure“ genannten prunkvollen Hoftoilette mit meterlangen seitlichen „Auslegern“. Anderseits wurde am Ausgang des Jahrhunderts das knöchelkurze Kleid „a la Polonaise“ modern, eine Kleiderform, die wiedergibt, was sich die höfische Gesellschaft zur Zeit Marie Antoinettes so unter einem Kleid einer Schäferin vorstellte.

Lediglich die kühleren Briten lassen sich nicht ganz mitreißen und entwickeln ihren eigenen, Praktischeren und tragbaren Stil. Die Schnitte bleiben gemäßigt, Kapriolen und Extreme finden keinen Eingang in die englische Kleidung. Die Modeszene würdigt das, indem sie die verschiedenen Kleiderformen als „a la Francais“ (d.h. mit querovalem Reifrock, Wattaufalte und großem Aufputz) und „a la Anglais“ (d.h. mit relativ kleinem runden Reifrock und einfachem Schnürmieder) benennt. In England entwickelt sich gegen Ende des Jahrhunderts bereits vor der Französischen Revolution die Vorstufe zum hoch gegürteten Empirekleid mit nach oben versetzter Taille, die ohne Reifrock getragen wurde – eine Tatsache, die kaum bekannt ist.

Die Männerkleidung behält die „Justaucorps“ genannte lange Jacke mit großen Ärmelaufschlägen bei, die lediglich im Laufe der Zeit etwas schlanker in der Silhouette wird, und die zusammen mit langer Weste, Spitzenhemd und Kniehose die in Europa einheitliche Tracht darstellt. Auch hier tragen Engländer schon relativ früh eine weniger opulente Version mit noch schlankerer Jacke mit kleineren Ärmelaufschlägen, ohne große Stickereien oder Spitzenmanschetten. Sie ähnelt schon sehr der späteren Empire- und Biedermeiertracht.

Die Hofkleidung ist derart teuer (und unbequem), dass sie auch nur zu offiziellen Anlässen getragen wird. Zu Hause legt man sofort Kleid oder Herrengala und die Perücken ab und trägt Negligé oder wattierten Schlafrock und Schlappen. Den Kopf bedeckt eine Haube oder Nachtmütze, denn der Kopf war oft der Perücken wegen kahl rasiert, aber auch damit man die Krätze besser behandeln konnte.

Phantasievoll wie alles in dieser Zeit sind im Übrigen auch die Namen der Stoff-Farben: Floh (spezifiziert nach alter und junger Floh, Flohrücken, Flohschenkel usw.), vergifteter Affe und sterbender Affe, Nönnchenbauch, Pipi von Dauphin oder Gossendreck sind einige davon. Im Gesicht und Dekolleté werden die berühmten „Mouches“, die schwarzen Schönheitspflästerchen getragen, von denen ebenfalls jedes einen bestimmten Namen und eine Bedeutung erhält (das leidenschaftliche wird am Augenwinkel angebracht, das galante sitzt mitten auf der Wange, das kokette gehört an den Mundwinkel, das mörderische schließlich trägt man am Busen).

Genauso mußte man den Fächer beherrschen. Auch für ihn gab es eine Sprache (über die Wange gleiten lassend – Ich liebe Dich!, weit öffnend – Warte auf mich!, öffnend und schließend – Du bist grausam! usw.).

Bei den Herren wird die naturfarbene lockenreiche und extrem warme Allongeperücke des späten Barock abgelöst durch kleinere Perücken unterschiedlichster Form, die fast ausschließlich weiss oder grau gepudert werden.

Tanz:

Die Rokokozeit ist die graziösere und leichtere Abart des Barock.

Das Menuett war der Tanz des 18. Jahrhunderts. Er galt über hundert Jahre als der schönste und schwerste Tanz und wird als einziger Satz in die Sonatenkomposition aufgenommen. Aber das Menuett ist kein Tanz für jedermann, denn es verlangte eine vollendete Körpertechnik, die man nur durch jahrelangen Tanzunterricht erreichen konnte. Mit ihm drückte man Würde, Eleganz und blasierte Müdigkeit aus.

Allein in Paris gab es damals ca. 300 Tanzmeister, die alle gute Einnahmen hatten. Menuette wurden zu zweit, zu viert oder zu acht getanzt. Es wurde noch symmetrisch, mit Schritten, die eine liegende acht beschrieben, dann wurde ein S daraus, später eine 2 und schließlich das Z.
Mit der Französischen Revolution wich alles Geschnörkelte und die Künstlichkeit.

Eure

Sabinestern2

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