Zeitläufte – Der Hutsalon

by Ciao Calotta | April 11, 2010 9:05 pm

Am Hofe werde ich Madam Claire genannt.

Ich kreire Hüte nach dem neusten Schrei und alle lieben und schätzen meine Hutcreationen. Mein Salon ist mitten in der Stadt unter den Arkaden am Marktplatz. Die Pacht ist sehr hoch, es ist eben eine teure Gegend. Aber es hat sich gelohnt. An Markttagen habe ich bis zu 10 Kunden.

In einer früheren Zeit, als ich noch am Hofe als Näherin arbeitete, nannte man mich Christine. Aber die Zeiten ändern sich, Gott sei Dank. Heute zähle ich zu einer der angesehendsten Frauen der Stadt.

Gerade bin ich mit ein paar neuen Modellen fertig geworden.

Diese Creation in verruchtem Rot bestellte Signora Praeti. Trés chic. Ihre Freunde nennen sie Julietta.

Sie ist eine, na sie wissen schon, Halbweltdame.

Sie verdankt ihren Ruf dem Umstande, dass Sie in Wien von Kaiserin Maria Theresia, wegen ihrer Buhlerei fortgewiesen wurde, und dem Marquise Sanvitiali aus Parma, oder vielmehr hunderttausend Goldstücken, die er für ihre Gunst bezahlte.

Dieses ausergewöhnliche Hütchen, geschmückt mit kleinen, roten Röschen, kleinen Vögelchen und einem roten Federbusch, wurde schon mit 30 Goldstücken für sie von einem Verehrer bezahlt.

Das Hütchen wird der Signora mit ihrer schwarzen Lockenpracht wunderbar stehen. Sie ist ja auch ein wunderhübsches Persönchen mit so einer zarten, porzellanenen Haut. So eine reine Haut sieht man hier selten. Sind doch die meisten Gesichtchen der Damen durch Pockennarben gekennzeichnet.

War es der junge Comte Giovanelli oder der Graf Sparda, der das Hütchen bezahlte? Egal – bezahlt ist bezahlt. Was kümmert mich das wetteifern der jungen Herrn, wenn die Goldstücke in meinem Beutel klimpern.

Oh, da ist ja auch der neue Jagdhut des Markgrafen.

Ein prächtiger schwarzer Filzhut mit kostbaren Silberborten, edlen langen Goldfasanen- und Straußenfedern. Verziert mit einer samtenen Rosette und einem handbemalte Medallion, auf dem ein Hirsch zu sehen ist. Wie hieß doch gleich die Malerin? Genau, Ludovike Simanowiz.

Alles teurer Schnickschnack für einen Jagdhut, aber wenn der Herr Markraf das so möchte muß es so sein.

Der tolle Herr Margraf soll um seine Gemahlin mal wieder zu ärgern, auf der Schloßrampe in den Speisesaal geritten sein. Man stelle sich vor: Dort habe er sein Pferd auf den Tisch geführt, um Reiterkunststücke aufzuführen. Die Markgräfin speiste gerade mit Gästen aus Ludwigsburg und dem Hof. Reihenweisen sind die Damen in Ohnmacht gefallen und die Herren waren damit beschäftigt, den Damen frische Luft zuzufächeln. Für den Einen oder Anderen eine bestimmt angenehme Art seiner Lieblingsdame näher zu kommen.

Aber zurück zum Markgrafen. Den tollen Markgraf nennt man ihn auch, wegen seiner amorösen Abenteuern, seinen derben Späßen, aber auch weil er sich dem Ausbau der Dörfer sowie der Entwicklung von Land- und Forstwirtschaft widmet. Er ist bestrebt die Lebensverhältnisse zu verbessern, sagt man. Seine Untertanen danken es ihm jedenfalls mit Fleiss, Gehorsam und pünktlichem zahlen ihrer Steuern.
Wirklich ein toller Mann, meine Verehrung Herr Markgraf.

Oje, jetzt hätte ich fast meinen dringendsten Auftrag vor lauter plappern vergessen. Ganz fertig ist er noch nicht. Um 11 Uhr beehrt mich die Marquise Saint Saes und möchte diesen Traum von Hut abholen.

Noch ein Schleifchen hier, und noch eins da und alle natürlich in rosa, ihrer Lieblingsfarbe.

Sie liebt Schleifchen und Rüschen, die schöne Maitresse-en-titre. Und alles muss aus einzigartigen Seiden- oder Brokatstoffe sein. Nur vom Feinsten. Je exotischer desto besser.

Man stelle sich vor, Madame besitzt sechs Mäuse, welche sie vor eine kleine Kutsche schirrt. Doch diese waren so ungezogen und bissen in Madames schöne Hände.

Diese Woche hat sie seine Durchlaucht nicht zur Jagd begleitet, weil sie anscheinend wegen dem Vorfall mit den Mäusen, schlecht Laune hatte. Um ihre Laune zu bessern, ließ seine Durchlaucht, natürlich durch die Marquise Saint Saes, dieses entzückende rosa Sonnenhütchen anfertigen. Auch ich bin fertig mit der Ausschmückung.

Geich ist es 10 Uhr. Nun muß ich mich aber sputen. Es ist Zeit den Salon zu öffnen. Meine Kunden können sehr ungeduldig werden und das kann ich mir nicht leisten.

Wenn ich sie verärgere, bin ich morgen vielleicht schon wieder ein Niemand.

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