
Was hört er da? Er will ja nicht lauschen, aber mit seinen großen Öhrchen, die nun mal Mäuse haben, hört Karle besonders gut. Karle, der Mäuserich wohnt im großen Schloss zu Ludwigsburg.
Was hat der Kammerdiener des Herzogs Carl Eugen gerade erzählt:
Vermöge eines neuen Hofceremoniels, wurde allen Frauenzimmern, die nicht zu der Fahne des Herzogs geschworen hatten, untersagt, blaue Schuhe zu tragen, und im Gegentheil allen denen, die sowol jetzo als auch künftig würdigen würden, ihm ihre Ehre aufopfern zu dürfen, bei der höchsten Ungnade anbefohlen, niemals ohne dieses Unterscheidungszeichen zu erscheinen.
Übersetzt heisst das:
Das der Herzog kein Kind von Traurigkeit ist, wissen alle, sogar die kleine Schlossmaus Karle. Soll er doch 77 anerkannte Söhne haben. Über die Töchter spricht man ja gar nicht. Und da sagt mal einer was über Mäuse. Natürlich war keines der Kinder von seiner Ehefrau Elisabeth Frederike. Und nun trugen also seine Favoritinnen blaue Schühchen.
Da fällt Karle ein, dass der Kammerdiener erzählte, die Bonafini eine berühmte Sängerin am Hof, hätte Leckereien aus Venedig erhalten. Vielleicht fällt auch ein Krümmelchen für mich ab, denkt Karle. Schnell hin zu ihr.
Karle schleicht durch die Ahnengalerie. Seine samtweichen Pfötchen streifen mit einem kleinen, leisen” zisch” über den Fußboden. Ehrfürchtig schaut Karle ab und zu nach oben zu den Bildern von den ehemaligen Herren und Damen des Hauses Württemberg. Hoffentlich endeckt mich nicht Heinrich, der Kater von Johann, dem Kammerdiener, denkt Karle.
Aber Karle hat Glück.
Der Marmorsaal – und was hört er da? Ist das nicht ein A, F, C und nochmal A, F, C. Wunderschöne Töne und diese Stimme, kraftvoll und doch so leicht. Seufz, wunderbar. Andächtig hört Karle zu. Sein Plätzchen ist neben dem Notenständer. Er mustert die Dame. “Ja, das ist sie. Die vielgerühmte, wunderschöne Katherina Bonafini. Die beste Sängerin am bedeutesten Hofe Europas in LudwigSburg.”
Auch ein bedeutender Mann wie der Chevalier de Seingalt, besser bekannt als Casanova, geht hier in Ludwigsburg, am Hofe Carl Eugens, ein und aus. Jetzt sitzt er neben seiner Durchlaucht, dem Herzog – hier im Marmorsaal.
Da staunt ihr, was Karle alles weiß. Sein Freund Johann, der Kammerdiener des Herzogs, ist ein wichtiger Mann am Hof und er teilt Alles mit ihm. Sein Vesperbrot und den Hofklatsch.
Natürlich sind auch wunderschöne Damen anwesend. Eine entzückemder als die Andere. Ob Jung oder Alt. Dicker oder Dünner. Alle sind da um den Herzog zu umgarnen.
Aber was sieht Karle – fast alle tragen blaue Schuhe. Niedliche, bestickte Pantöffelchen von hell- bis dunkelblau. Aus feinster Seide oder prunkvollem Brokat. Mit vielen Schnörkeln und mit Blüten übersäht. Ein paar Pumps sind auch aus blaueingefärbten Leder dabei. Schnüffel, sie riechen nach feinstem Ziegenleder.
Und das sind alles Favoritinnen? Alle Achtung Sir, denkt Karle, sie haben meine Bewunderung.

Eure
Sabine![]()
Mhhhh, geht es mir gut. Das Stückchen Käse von Seppl war so lecker. Karle strich über sein Bäuchlein. Heute möchte ich auf eine weitere Erkundungstour im Schloss gehen. Aber warum heißt Schloss Ludwigsburg, eigentlich Ludwigsburg.
Im Mai 1704 klopfte der Herzog Eberhard Ludwig in Begleitung des Baumeisters Jenisch mit einem silbernen Hämmerchen auf den Grundstein und sagte: Dies sei die Ludwigsburg.
Es sollte ein Jagdlustschloss werden. Das alte Jagdhaus genügt den Ansprüchen nicht mehr um große Feste zu feiern. Die Jagd war schließlich eine große Leidenschaft des Herzogs. Er stiftete den Hubertusorden für die Jagd. Ein begehrter Orden. Und bald wurde aus dem Jagdlustschloss eine Residenz und dann das größte Barockschloss. So steht es geschrieben.
Hab ich ihn nicht gerade gesehen, fragte sich Karle. Er rieb mit seinen samtweichen Pfoten in seinen Äuglein. Ja, es war Eberhard Ludwig. Ehrfurchtsvoll schaute Karle wie der Herzog würdevoll die Schlosstreppe hinaufschritt, gefolgt von seinem schwarzen, treuen Hund Mélac. Karle schaute mit großen Äuglein den beiden nach.
Oben auf der Treppe empfängt der Herzog seine Mätresse Wilhelmine von Gräfeniz. Ach, ist die schön. Der Herzog begrüßt sie mit einem Handkuss und schaut ihr tief in die wunderschönen Augen. Karle wurde es ganz warm ums Herz. Ich kann gar nicht glauben das die Ludwigsburger sie nicht mögen. Wer so schön ist, kann doch nicht böse sein.
Karle huscht am Rand der Treppe hinauf. Puh, ich komm ganz außer Atem. Nach der ersten Treppe macht Karle eine kurze Pause. Er schaut sich um und sieht ein Deckengemälde. Ich kann mich nicht sattsehen, denkt Karle. Diese wunderschönen Farben und die lieblichen Figuren. Ist das nicht sie, die Gräfenitz. Lächelt sich mich nicht von diesem Bild aus an?
Knurrrrrrrr, war das schon wieder mein Magen? Mal sehen was ich hier zu essen finden kann. Schnell huscht Karle die Treppe weiter nach oben. Da steht der Seppl in seiner roten Livree mit großen goldenen Knöpfen. Seppl kennt Rosine, eine Küchenmagd. Von ihr bekommt Seppl immer die leckeren Brote zugesteckt. Gerade wird er abgelöst und geht in die Essstube der Diener. Ich werde ihm natürlich sofort unauffällig folgen. Aber schnell muss ich nochmal einen Blick auf das Deckengemälde werfen. Na sowas, hat sie mir etwa zugezwinkert?

Eure
Sabine![]()