
An einem warmen Morgen im Monat Mai kroch ein kleiner Maikäfer namens Moritz aus der weichen Erde unter einer alten Kastanie. Wochenlang hatte er dort geschlummert, eingehüllt in Dunkelheit und Stille. Nun kitzelte ihn die Sonne zum ersten Mal an seinen glänzenden Flügeldecken.
Moritz blinzelte in die helle Welt. Alles war riesig. Die Grashalme ragten wie grüne Türme in den Himmel, und ein Gänseblümchen erschien ihm wie ein königlicher Thron. Vorsichtig entfaltete er seine zarten, durchsichtigen Flügel unter den braunen Deckflügeln und summte probeweise. Es klang noch etwas schief.
„Nur Mut“, raschelte die Kastanie über ihm. „Der Mai ist deine Zeit.“
Moritz nahm all seinen Käfermut zusammen, spreizte die Flügel – und hob ab. Zuerst taumelte er mehr, als dass er flog. Der warme Maiwind schob ihn sanft über eine Wiese voller Fliederduft und Apfelblüten. Überall summte und blühte es.
Er landete auf einem frischen Blatt und begann genüsslich zu knabbern. Neben ihm setzte eine Biene zur Landung an und musterte ihn neugierig.
„Neu hier?“ summte sie.
„Gerade erst geschlüpft“, antwortete Moritz stolz. „Und ich will den ganzen Mai erleben!“
Bis zum Abend flog er von Blüte zu Blüte, ruhte sich in der Sonne aus und staunte über den goldenen Himmel. Müde, aber glücklich kehrte er zu seiner Kastanie zurück.
„Heute war ich ein richtiger Himmelsstürmer“, murmelte er zufrieden – und schlief im milden Maiabend ein, bereit für neue Abenteuer am nächsten Tag.