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Darf ich bitten

Es ist schon fast 9 Uhr. Jetzt aber hurtig.

Drei neue Tänze habe ich vorbereitet und ein paar werden wir
wiederholen. Schnell die Treppe hinauf und in den kleinen Saal.

Dreierschritt, Walzerschritt, Pendelschritt, Kolofassung im Frontkreis –
das ist der Trias schwirrt es mir im Kopf herum. Leise summe ich die
Melodie vor mich hin.

Frau Böhlke hat schon einige Stühle aufgestellt. Wie früher in der
Tanzstunde. Eine Reihe am Fenster und gegenüber auf der anderen
Saalseite die andere Reihe.

Und schon kommen sie – meine Tanzmädels. Pünktlich wie immer und schick
sehen sie wieder aus.

Heute sind es 20 tanzfreudige Seniorinnen, die mich erwartungsvoll
anschauen. Erstmal ein Geburtstagsständchen für Frau Elstner, die am
Montag ihren 78 Geburtstag feierte. Sie verteilt an alle etwas Süsses.
Das ist so Brauch an Geburtstagen.

Karle, die Schlossmaus habe ich heute als Geschichte zum vorlesen und
zur Einstimmung gewählt.

Und dann tanzen wir: Langsamen Walzer, internationale Volkstänzen und
alte Deutsche Tänze.

Zum Schluss gleite ich mit Frau Schütz, einer rüstigen 90 Jährigen, zu
einem Walzer übers Parkett.

Die Zeit ist wie im Fluge vergangen und es war wieder wunderschön.

Danke meine werten Damen.

Seit 1 1/2 Jahren gebe ich nun Tanzen im Sitzen im Seniorenheim ehrenamtlich. Ich stimme die Choreografien auf die teilnehmeden Senioren ab. Nach einem halben Jahr haben wir noch einen neuen Kurs dazugenommen, der für nicht ganz so Rüstige ist. Mittlerweile setzen wir die Standardtänze um, unterhaltssame Bewegungsgeschichten. machen Yoga. versuchen uns im orientalischen Tanz und entspannen zu Autogenem Training und Muskelentspannung nach Jacobsen.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich den Damen und Herren soviel Freude mit meinen Choreographien machen kann. für mich selber ist es eine wunderbare Erfahrung, die ich nicht mehr missen möchte.

 

 

 

 

Ich liebe sie

Verschlafen – das fängt ja schon gut an.

Schnell aus den Feder und ab unter die Dusche. Brrrrrrrrrrrr eiskalt.
Hab wieder nicht dran gedacht, dass sich das Wasser erst erwärmen muss.
Jetzt fällt mir auch noch das Shampoo runter und knirsch – ich bücke
mich und komme nicht mehr hoch. Das hat mir gerade noch gefehlt. Ich
bewege mich wie Quasimodo und bin steif wie ein Brett. Da muss ich
durch.

In zwei Stunden ist ein wichtiger Kundentermin bei einem mir noch nicht
bekannten Kunden. Also mit Termin verschieben ist da nix und mein
Kollege kann nicht einspringen.

Und da sehe ich sie. Ganz verschlafen steht sie in der Tür. Sie strahlt
mich an und zaubert mir sofort ein Lächeln in das Gesicht. Sie kommt auf
mich zu und ich halte den Atem an.

Ihre raue Zunge spüre ich an meinem Knöchel. Das kitzelt und ich mache
einen kleinen, ungeschickten Sprung auf die Seite und knartsch – ich
kann mich wieder bewegen.

Sie ist eine Zauberin, aber das weiß ich schon lange. Ich liebe sie,
mein kleines, süßes Hundemädchen.

 

Die Steinmännchen


Ich freue mich jedesmal , wenn ich auf ein Steinmännchen treffe.
Man trifft sie überall. Einige von ihnen erfüllen die Funktion einer
Wegmakierung.
Sie wachsen, indem Menschen immer wieder Steine aufeinander legen. Sie
sehen aus wie Türmchen.
Auch am Wasser findet man sie. Dort weisen sie auf eventuelle Gefahren
hin.
Ihre Bedeutung ist kulturell und auch religiös.
In Skandinavien schützen sie die Wanderer vor Trollen, die gerne Fremde
mit ihren Streichen ärgern.        Die Steinmännchen  in Tibet sind mit
allerlei geeschmückt. Es zieren sie Fahnen, Tierskeletten und bunte
Farben. Damit sollen entweder gute Geister gewürdigt werden oder den
bösen Geistern  wird auf diese Weise gezeigt, dass sie unerwünscht sind.
Pilger und Touristen glauben an die magischen Kräfte der Steinmännchen.
Diejenenigen, die sie als Wegmakierung hinterlassen haben, sollen
hierhere gesund und munter hierher zurückkehren.
Da wir sehr gerne wandern wird es nicht lange dauern, bis ich wieder
einen Stein auf so ein Männchen setzen darf. Ich freu mich schon ;-)

 

Wer ist Clementinchen?


Ich mache die Augen auf und schließe sie gleich wieder. Als hätte ich die ganze Nacht in einem Steinbruch gearbeitet und schwere Steine geschleppt. Mein Kopf tut weh und meine Glieder schmerzen fürchterlich.
Klingelingeling.
Noch 5 Minuten nuschle ich so halbwach vor mich hin.
Klingelingeling, das ist doch nicht mein Wecker. Es hört sich viel zarter und heller an. Ich versuche nochmal mein linkes Auge zu öffnen, es klappt und bleibt offen und nun probiere ich es mit meinem rechten Auge. Auch dieser Versuch klappt.
Klingelingeling. Ich sehe nichts. Woher kommt nur dieses Klingelingeling?
„Hier bin ich.“
Ich höre ein feines, aber klares Stimmchen.
Jetzt ist es soweit, jetzt höre ich auch schon Stimmen. In den letzten Wochen habe ich zwar mehr als sonst gearbeitet, aber hört man deswegen gleich fremde Stimmen?
Ganz vorsichtig drehe ich meinen Kopf und schaue suchend durch das Zimmer.
Nichts, ich sehe nichts. Mir ist ganz unheimlich.
„Schau doch mal auf das Kissen neben dir, da bin ich.“
Ich traue meinen Augen nicht. Auf meinem Kissen sitzt ein kleines, vielleicht zwanzig Zentimeter großes, süsses, entzückendes, türkisfarbenes Mädchen mit durchsichtigen, feinen Flügeln.
„Du siehst schon richtig. Ich bin Clementinchen, deine Glücksfee. Ich wollte dich besuchen.
Wir Glücksfeen im Regenbogenland haben uns Sorgen um dich gemacht. Du hast in letzter Zeit viel gearbeitet und nicht viel Spass und Freude gehabt. Wir vermissen das Funkeln in deinen Augen und dein warmes, so ansteckendes Lachen.
Deswegen habe ich meine Farbpalette mitgebracht. Ein bisschen Farbe wirkt oft Wunder.
türkisgrün für deine wunderschönen Augen und ein zartes pink auf deine vollen Lippen. Das gefällt mir. Noch ein bisschen pfirsichfarben auf deine Wangen und ein Klecks samtbraun auf deine Haut. Voila, fertig. Ja, das bist wieder du.“ Clementinchen klatscht in ihre Händchen und schwirrt begeistert um mich herum.
RRRRRRRRrrrrrring. Das klingt ja grausam. Mein Wecker klingelt.
Clementinchen? Wo bist du? Sollte ich das nur geträumt haben. Kein Clementinchen.
Ich schaue aus dem Fenster. Die Sonne ist schon zu sehen und die Luft riecht herrlich. Was für ein schöner Tag.
Als ich vor dem Spiegel stehe und mein Blick auf die Lidschattenpalette fällt, lächle ich. „Ein bisschen türkisgrün für deine …“.

Danke Clementinchen.

 

Der Regenbogen

Einmal fingen alle Farben auf der Welt einen Streit an. Jede behauptete, die beste, die wichtigste, die nützlichste, die bevorzugte Farbe zu sein:


Grün sagte; “Ganz klar, dass ich die wichtigste Farbe bin. Ich bin das Symbol des Lebens und der Hoffnung. Ich wurde für das Gras, die Bäume, die Blätter ausgewählt – ohne mich würden alle Tiere sterben. Schaut euch die Landschaft an und ihr werdet sehen, dass ich am häufigsten vorkomme.”Blau unterbrach: “Du denkst nur an die Erde, aber sieh einmal den Himmel und das Meer an. Das Wasser ist die Grundlage des Lebens und es wird von den Wolken aus dem blauen Meer aufgesogen. Der Himmel gibt Raum und Frieden und Heiterkeit. Ohne meinen Frieden wärt ich alle nur Wichtigtuer.”Gelb kicherte: “Ihr seid alle so furchtbar ernst. Ich bringe Lachen, Fröhlichkeit und Wärme in die Welt. Die Sonne ist gelb, der Mond ist gelb, die Sterne sind gelb. Jedes mal, wenn man eine Sonnenblume betrachtet, beginnt die Welt zu lächeln. Ohne mich gäbe es keinen Spaß.”Orange begann als nächste ihr Eigenlob zu singen: “Ich bin die Farbe der Gesundheit und Kraft. Ich mag wohl selten vorkommen, doch bin ich wertvoll, denn ich diene den Bedürfnissen des Menschenlebens. Ich bin Träger der meisten Vitamine. Denkt an Karotten und Kürbisse, Orangen und Mangos. Ich hänge nicht die ganze Zeit herum, aber wenn ich bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang den Himmel erfülle, dann ist meine Schönheit so auffällig, dass niemand einen weiteren Gedanken an eine von euch verschwendet.”Rot konnte es nicht länger aushalten. Er schrie heraus: “Ich bin der Herrscher über euch alle, Blut, Lebensblut. Ich bin die Farbe der Gefahr und Tapferkeit. Ich bin bereit, für eine Sache zu kämpfen. Ich bringe Feuer ins Blut. Ohne mich wäre die Erde leer wie der Mond. Ich bin die Farbe der Leidenschaft und der Liebe; die rote Rose, der rote Mohn.”Violett sprach viel ruhiger als alle anderen, jedoch nicht weniger entschlossen: “Denkt an mich. Ich bin die Farbe des Mystischen. Ihr bemerkt mich kaum, aber ohne mich werdet ihr alle belanglos. Ich stehe für Denken und Überlegen, Zwielicht und tiefes Wasser. Ihr braucht mich als Gleichgewicht und Gegensatz, für das Gebet und den inneren Frieden.”
Und so fuhren die Farben fort, sich zu rühmen, jede davon überzeugt, die beste zu sein. Ihr Streit wurde immer lauter. Plötzlich zuckte ein strahlend weißer Blitz auf; ein Donner rollte und dröhnte. Es begann unbarmherzig zu regnen. Die Farben kauerten ängstlich aneinander.Da sprach der Regen: “Ihr närrischen Farben streitet untereinander, jede versucht, die anderen zu dominieren. Wisst ihr denn nicht, dass Gott euch alle für einen bestimmten Zweck gemacht hat, einzigartig und verschieden? Er liebt euch alle, er will euch alle. Reicht euch die Hände und kommt mit mir. Wir werden euch in einem großen, farbigen Bogen über den Himmel spannen, zur Erinnerung daran, dass er euch alle liebt, dass ihr in Frieden zusammenleben könnt; ein Versprechen, dass er bei euch ist – ein Zeichen der Hoffnung auf ein Morgen.”Und wann immer Gott die Welt mit einem ausgibigen Regen gewaschen hat, setzt er den Regenbogen an den Himmel, und wenn wir ihn sehen, sollten wir daran denken:Er will, dass wir alle einander schätzen.
Habe immer Verständnis für dich und für andere!

Wie es euch gefällt

Eines Abends im Sommer wird zu Ehren des Prinzen Carl ein Fest gefeiert. Gäste von nah und fern werden erwartet.

Kutschen mit prächtigen Pferdegespannen fahren im Schlosshof vor. Damen in seidenen, reich bestickten Kleidern und Herren mit goldenen Borten und glitzernden Orden an ihren Gilets, werden von Lakaien über die große Treppe, in den Marmorsaal geleitet.

Im Schein von tausend Kerzen, die sich in den vielen Spiegeln wieder reflektieren, sieht man die hohen Herrschaften flanieren.

Es wird zu Tisch gebeten. Erlesene Speisen und Weine werden an der Tafel von einer viel zahl Diener serviert. Im Hintergrund erklingen zauberhafte Klänge eines Blockflötenquartetts.

Nachdem die Tafel durch den Prinzen aufgehoben wird, begibt man sich in das Schlosstheater. Im Theater wird ein neues Stück aufgeführt, an dem der Prinz selber mitwirkt, umringt von Schönen in Schäferinnenkostümen.

An verschiedenen Stellen im Park wurden kleine Bühnen errichtet. Auf der kleinen Seebühne spielen italienische Komödianten, Artisten bezaubern hier und da mit ihren Kunststücken, und so manch Sonderbares oder Kurioses sieht man in der großen Allee beim kleinen See.

Aus einer Ecke hört man Schwerter klingen und aus einer anderen sieht man Falken wie Pfeile durch die Luft schießen um ihre Opfer zu schlagen.

Imposant sind auch die Wasserspiele, Wassertropfen – die sich tänzelnd nach einer Melodie bewegen. Und bei dem großen Feuerwerk sieht der Himmel wie eine Farbpalette aus, den Pinsel eingetaucht in Farben um Formen zu kreieren. Nebel und Schwefelgeruch hängt in der Luft. Die Morgendämmerung steigt auf und ein neuer Tag beginnt.

Jeder findet Das zur Zerstreuung, was ihm gefällt.

 Sabine Stern

Der Kavalier

n der engen Gasse war es dunkel. Im Schatten des schmalen Palazzo mit den gotischen Fenstern steht regungslos eine vermummte Gestalt.

War es Mann? War es Frau? War es Edelmann oder Bauer?

Von den Schultern fällt ein schwarzer Tabarro bis auf den Boden. Auf dem Kopf trägt die Gestalt einen schwarzen, mit Marabufedern verzierten Tricorno. Darunter ist eine spitzenbesetzte Seidenkaputze, die eine weißgrundige Maske, eine Bauta, hält. Aus den schmalen Augenschlitzen der Maske blitzt das weiß der Sclera. Auch das Azurblau der Augen kann man erkennen.

An dem Ringfinger steckt ein wunderschöner filigraner Ring mit einem blutroten, großen, in Krallen gefassten Stein mit einem Wappen. So ein wunderschön gearbeites Stück kann nur einem edlen Herrn gehören.

Er dreht sich schnell und gewandt um und geht zu dem Kanal. Eine rote langstielige Rose befindet sich in der Hand.

Seine Statur ist groß und kräftig. Der Mantel öffnet sich ein wenig, eine cremefarbene Spitzenmanschette schaut unter dem rotbestickte Ärmel des Justaucorps hevor.

Gerade biegt eine Gondel in den Kanal. Die schwarze, überdachte Gondel nähert sich und legt an. 

Der Kavalier steigt ein. 

Eine zierliche Hand mit seidenen Handschuhen öffnet den Vorhang des Sitzplatzes und greift nach der Rose. Der Kavalier küsst die Hand und beide entschwinden hinter dem roten Samtvorhang.

Die Gondel gleitet davon und verschwindet hinter der Biegung des Kanals in Richtung Giudecca.

Sabine Stern